Als Gebärden-Dolmetscher unterwegs:
Anja Koy und Jürgen Hilmer

Mehr als 12.000 Zuschauer konnten den Einsatz der ehrenamtlichen Gebärden-Dolmetscher Anja Koy (50) und Jürgen Hilmer (75) beim letzten Video-Gottesdienst der Neuapostolischen Kirche Nord- und Ostdeutschland am Bildschirm verfolgen. „Da wurde die Predigt nochmal ganz anders lebendig“, lautet nur eine der vielen positiven Reaktionen in den sozialen Netzwerken zum Einsatz der Dolmetscher, die seit des ersten Live-Streamings die Predigt in Gebärden übersetzen. In einem Interview berichten sie von ihrem ganz persönlichen Erleben und davon, was sie zu dieser Aufgabe motiviert.

Ihr habt nun bereits das dritte Mal den zentralen Video-Gottesdienst unserer Gebietskirche begleitet und die Predigt in Gebärdensprache übersetzt. Wie erlebt ihr selbst als ehrenamtliche Gebärden-Dolmetscher die Gottesdienste?

A. Koy: Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal habe ich das Gefühl, ich erlebe den Gottesdienst viel intensiver. Dann bin ich wiederum so konzentriert, vor allem, wenn in der Predigt schnell gesprochen wird, dass ich nicht ganz so viel mitbekomme.

J. Hilmer: Wenn ich übersetze, dann nehme ich den Wortlaut sehr genau auf. Doch gerade bei schwierigen oder unbekannten Begriffen stockt man unwillkürlich, um eben die passende Gebärde zu finden.

Schaut ihr euch im Anschluss die Aufzeichnungen der Video-Gottesdienste an?

J. Hilmer: Danke für den Tipp. Das werde ich mal ausprobieren.

A. Koy: Das habe ich am Anfang meiner Tätigkeit schon mal gemacht. In der Vergangenheit war ich häufiger schon in Frankfurt, wenn der Stammapostel einen Gottesdienst in unserer Gebietskirche gefeiert hat. Da stehe ich dann auch vor einer Kamera und unsere Hörgeschädigten und ihre Betreuer sehen die Übersetzung in verschiedenen Gemeinden. Da habe ich anschließend in die Aufzeichnung reingeschaut und war neugierig, wie ich wirke und übersetze. Inzwischen mache ich das selten oder weniger bewusst – so sehe ich mich aktuell immer in den veröffentlichten Videos der Gottesdienste auf Facebook.

Wie kam es dazu, dass ihr nun in der Gebietskirche Nord- und Ostdeutschland jeden Sonntag als Übersetzer im Einsatz seid? Und was motiviert euch, jeden Sonntag nach Hamburg zu kommen?

J. Hilmer: Bischof Wolfgang Novicic (Verwaltungsleiter der Kirchenverwaltung, Anm. d. Red.) hat bei uns angerufen und gefragt. Wir haben uns sofort dazu bereitgeklärt, damit sich unsere hörgeschädigten Mitglieder und vielleicht auch Interessierte versorgt und als Mitglied der „großen Gemeinde“ fühlen.

A. Koy: Ansonsten hätten unsere Hörgeschädigten auch gar keine Möglichkeit, am Gottesdienst teilzunehmen. Wir freuen uns, wenn wir da unterstützen können. Sie sollen die gleiche Möglichkeit haben, wie alle anderen Mitglieder, den Gottesdienst zu sehen, zu erleben und daraus Kraft für ihren Alltag zu schöpfen. Sie fühlen sich in der aktuellen Situation ja genauso allein – viele unserer hörgeschädigten Geschwister sind auch Senioren, die nicht raus können. Aber auch abgesehen vom Sinn und Zweck: Mir macht das Übersetzen viel Spaß.

Als Gottesdienstteilnehmerin ist mir aufgefallen, dass es schon mal vorkommen kann, dass recht schnell gesprochen und auch sehr spezifisches Kirchen-Vokabular genutzt wird. Kommt ihr damit gut zurecht oder gibt es vielleicht auch Worte, die ihr eigentlich gar nicht übersetzen könnt? Was macht ihr in diesem Fall?

A. Koy: Ja, die Schnelligkeit der gesprochenen Worte ist in der Tat manchmal problematisch. Wir hören die Predigt und müssen zeitgleich gebärden. Deshalb fassen wir hier und da etwas zusammen. Schwierig sind auch Fremdworte, die wir nicht übersetzen können und man schnell eine Lösung finden muss. Manchmal bilde ich aus dem Fremdwort einen längeren Satz, weil es sich mit einem Wort nicht gebärden lässt.

J. Hilmer: Das Kirchen-Vokabular ist weniger problematisch, da es den meisten Mitgliedern bereits bekannt ist. Aber bei unbekannten Worten ist Improvisation gefragt und wir wählen dann ähnliche oder vergleichbare Begriffe.

A. Koy: Das Kirchen-Vokabular haben wir auch extra für unsere Aufgabe gelernt. Wir bemühen uns, deutschlandweit die gleichen Gebärden zu benutzen.

Aktuell wird der Gottesdienst ohne Gemeinde gefeiert – nur die nötigsten Personen sind vor Ort. Wie fühlt es sich an, vor einer Kamera zu stehen, niemanden zu sehen, aber zu wissen, dass Tausende live zuschauen? Seid ihr da aufgeregt?

J. Hilmer: Ja, für mich ist das sehr ungewohnt.

A. Koy: Es ist sehr aufregend und eine echte Herausforderung. Hörgeschädigte zeigen ganz viel Reaktion im Gottesdienst. Ich kann sehen, ob sie mich verstehen und manchmal geben sie Hinweise, wenn ich die falsche Gebärde benutzt habe. Es ist sehr schwierig, ohne Reaktion zu übersetzen, ein deutliches Mundbild beizubehalten und in der Konzentration nicht nachlässig zu werden. Außerdem empfinde ich die aktuelle Situation als ganz besonders, denn es schauen nicht nur, wie gewohnt, die Hörgeschädigten und ihre Betreuer zu, sondern alle Mitglieder. Das ist noch aufregender als sonst. Aber zum Glück habe ich schon ganz viele positive Rückmeldungen bekommen.

Die Gebärdensprache, die ihr im Gottesdienst anwendet, nennt sich ja „Lautsprache mit lautsprachbegleitenden Gebärden (LBG)“. Warum wird gerade diese Gebärdensprache im Gottesdienst verwendet?

J. Hilmer: Wir haben in unserer Kirche überwiegend ältere hörbehinderte Mitglieder, die sich eben per LBG verständigen. Die Deutsche Gebärdensprache, kurz DGS, wird nur von wenigen verstanden und von uns Übersetzern nicht beherrscht. So ist das Übersetzen in LBG die logische Folge.

A. Koy: Die DGS kann ich leider auch nicht. Vielleicht ein bisschen im Ansatz, da ich schon mal einen Kurs darin gemacht habe. Aber zurzeit finde ich die LBS einfacher, weil mehr oder weniger, Wort für Wort übersetzt wird. Bei der DGS muss der Satz zusammengefasst und ganz anders aufgebaut werden. Die Sprache hat eine eigene Grammatik und ist quasi die Sprache der Gehörlosen. Sie unterhalten sich untereinander in DGS, denn alles andere würde zu lange dauern.

Wo habt ihr die Gebärdensprache erlernt und was hat euch dazu motiviert, diese zu erlernen?

A. Koy: Mein Beruf als Erzieherin hat mir den Anstoß gegeben, die Gebärdensprache zu lernen. Eine Mutter in unserer KITA war hörgeschädigt und wir konnten ihr gar nicht richtig beschreiben, wo sie ihr Kind findet. Das fand ich schade und die Situation löste in mir den Wunsch aus, die Sprache lernen zu wollen. Später habe ich auch ein Kind betreut, was langsam ertaubte. Die Gebärdensprache habe ich über die angebotenen Kurse einer Volkshochschule in Kiel und während eines Bildungsurlaubs in Hamburg erlernt. Ansonsten lernt man eine Sprache, wie jede Fremdsprache, am besten in der Praxis. Eine Gebärden-Dolmetscherin in meiner Gemeinde hat mit mir geübt und mich motiviert. Sie nahm mich mit zu einem Gottesdienst für Hörgeschädigte und so nahm das ganze seinen Verlauf.

J. Hilmer: Ich habe es schon von Kindheit an gelernt, da meine Schwester gehörlos war. Später kamen auch bei mir diverse Seminare und Kurse dazu, denn die LBG hat sich ja immer weiterentwickelt.

Seid ihr auch bei den kommenden Video-Gottesdiensten wieder als Übersetzer zu sehen?

J. Hilmer: Wir sind bereits für den Video-Gottesdienst mit unserem Bezirksapostel an Karfreitag eingeplant. Der Ostersonntag wird von Neu-Isenburg aus, von der Gebietskirche Westdeutschland übernommen. Für uns eine gute Gelegenheit, den Gottesdienst „nur“ als Teilnehmer zu erleben.

Die aktuelle Situation zwingt uns alle, neue Wege der Kommunikation zu nutzen und auch zu erlernen. Wie erlebt ihr persönlich die aktuelle Situation in euren Gemeinden oder in eurem Umfeld. Wie haltet ihr Kontakt und gibt es Dinge, die euch Mut machen oder Sicherheit geben?

J. Hilmer: In unserer Gemeinde Stade (Bezirk Stade) läuft sehr viel über das Smartphone, worüber wir mit allen aktuellen Informationen versorgt werden. Es sind alle in einer Gruppe und es funktioniert sehr gut! Mut macht mir in der aktuellen Situation vor allem das Gebet in der Familie oder eben allein, wobei immer alle, aus nah und fern, miteingeschlossen sind.

A. Koy: Einige Chorsänger meiner Gemeinde Bordesholm (Bezirk Neumünster) haben sich per Telefonkonferenz zu einer Chorprobe getroffen und anschließend eine Aufnahme versendet. Eine schöne Idee, wie ich finde. Ansonsten malt unsere Tochter Laura ganz viel und konnte einem Glaubensbruder zum 90. Geburtstag eine Freude machen. Als Familie mit zwei Kindern von 5 und 7 Jahren kommen wir mit der aktuellen Situation ganz gut zurecht. Natürlich sind wir alle traurig, weil der Kontakt zur Familie fehlt. Aber zum Glück gibt es viele technische Möglichkeiten, um in Kontakt zu bleiben. Dafür sind wir sehr dankbar.

Vielen Dank für das Interview.

Ehrenamtliche Gebärden-Dolmetscher (m/w) gesucht

Die Hörgeschädigten der gesamten Gebietskirche Nord- und Ostdeutschland sollen auch in Zukunft die Möglichkeit haben, Gottesdienste vollwertig zu erleben, Predigten zu verstehen. Daher werden ständig ehrenamtliche Gebärden-Dolmetscherinnen und -dolmetscher gesucht. Interessierte Personen müssen keine staatlich geprüften Gebärden-Dolmetscher sein. Volkshochschul-Kurse und privat erlernte Fähigkeiten sind ausreichend.

Bei Interesse zur Mitarbeit oder für mögliche Rückfragen stehen Ihnen Bischof Wolfgang Novicic und Bischof Thomas Matthes unter der Email-Adresse bhb@nak-nordost.de als Ansprechpartner zur Verfügung.